Heute gibt’s den zweiten Teil meiner Reihe „Billard für Physiker“. Seit dem ersten Teil ist doch ein bisschen mehr Zeit vergangen als ich eigentlich wollte, aber letztendlich hab ich es doch noch geschafft.
Heute geht es um Situationen wie diese:
Es kommt relativ häufig vor, dass eine Kugel vor einem Loch liegt, aber nicht auf der geraden Verbindung zwischen der weißen Kugel und dem Loch. Trotzdem will man solche Bälle natürlich lochen, ist ja klar. Man muss also die farbige Kugel so anspielen, dass sie trotzdem ins Loch rollt. Aber wie?
Beim Stoß zwischen Weiß und Farbe gilt die Impulserhaltung vektoriell:
Wenn man nun die Massen rausschmeißt (einfach m ausklammern und durch m teilen, da ja alle Massen gleich sind) erhält man folgendes:
Da die farbige Kugel vor dem Stoß in Ruhe ist, kann man deren Geschwindigkeit auch noch rausschmeißen und erhält dann:
Da der Stoß (im Normalfall) elastisch ist (Beide Kugeln sind ja hinterher noch ganz und auch nicht verformt), gilt außerdem die Energieerhaltung:
wobei die kinetische Energie der farbigen vor dem Stoß natürlich 0 ist:
Die Masse schmeißen wir wieder raus:
Wer sich nun von den vielen Indizes nicht verwirren lässt, dem kommen Gleichungen dieser Form sicherlich bekannt vor.
Na, erraten? Richtig! Satz von Pythagoras
Zusammen mit dem Ergebnis der Impulserhaltung von oben bedeutet das, dass und
senkrecht aufeinander stehen.
Was können wir nun damit anfangen? Egal wohin die farbige Kugel rollt, die weiße Kugel rollt immer in eine um 90° dazu verschiedene Richtung (oder geradlinig weiter, wie in Teil 1). Damit kann man sich schonmal grob ausdenken, wo die weiße Kugeln hinrollt, und dadurch vermeiden, dass man die weiße Kugel unabsichtlich locht.
Dummerweise wissen wir nun immernoch nicht, wie wir die farbige Kugel eigentlich anspielen müssen, um sie zu lochen. Dafür betrachten wir mal die Geschwindigkeiten der beiden Kugeln nach dem Stoß:

Meist erkennt man in der Praxis schneller den Winkel , aber da
°
kann man sich auch
schnell erschließen.
Um zu verstehen wo eine farbige Kugel nach einem Stoß hinläuft, zerlegt man den Impuls der weißen Kugel am besten in zwei Komponenten. Ein Teil entlang der Verbindung der Schwerpunkte der beiden Kugeln während des Stoßes und der andere Teil um 90° dazu abgelenkt, sodass insgesamt wieder der Impulsvektor der wießen Kugel vor dem Stoß herauskommt:
Das zugehörige Impulsdiagramm:
Wenn man nun den Zeitpunkt des Stoßes betrachtet, so stellt man fest, dass beim Stoß die Schwerpunkte beider Kugeln und das Loch auf einer Geraden liegen. (Ja, das Beispiel ist so gewählt, dass die Kugel wirklich ins Loch rollt, ich hab’s mehrmals ausprobiert.) Das ist ziemlich praktisch um festzustellen, wie man eine Kugel treffen muss um sie zu lochen. Besonders einfach ist das, wenn die farbige Kugel auf der Verbindungslinie zwischen den beiden Mitteltaschen liegt, denn dann muss man „nur“ dafür sorgen, dass die weiße beim Stoß auch auf dieser Linie ist, und man erkennt sehr genau, wie man spielen muss.
Auf die gleiche Art und Weise wie beim Lochspiel kann man auch jedes andere beliebige Ziel auf dem Tisch anvisieren (z.B. Banden, andere Kugeln, etc.)
Es gibt natürlich auch Bälle, die nicht lochbar sind.
(Gelocht werden soll hier die Kugel mit der Nummer 12 in die Mitteltasche)
Wenn nämlich zwischen weißer Kugel, farbiger Kugel und Loch ein Winkel von 90° oder weniger ist, gibt es keine Chance die Farbe zu lochen. Bei einem Winkel von 90° müsste man die weiße Kugel so an der Farbe vorbeispielen, dass die Weiße die Farbe nur ganz außen streift, dabei behält die Weiße ihren Impuls jedoch komplett für sich, und die Farbe bewegt sich folglich nicht von der Stelle. Besonders schön sieht man das an den Geschwindigkeiten der einzelnen Kugeln.
Mit ° folgt für die Geschwindigkeit der weißen Kugel:
(und damit logischerweise: )
Winkel zwischen Farbe, weißer Kugel und Loch von unter 90° (also °) sind sowieso unspielbar, da man die farbige Kugel ja schlecht „von hinten“ anspielen kann (Banden mal außer Acht gelassen).
Bälle, die frei vor einem Loch liegen, sind nun kein Problem mehr, manche Ausnahmen, die unlochbar sind, ausgenommen. Aber was ist, wenn man gezwungen ist über Bande zu spielen? Damit werde ich mich beim nächsten Mal beschäftigen. Bis dahin, viel Spaß beim Üben! (vorrausgesetzt natürlich, es gibt wirklich jemanden, der das was ich hier schreibe auch ausprobiert;) )
Über Kommentare freue ich mich jederzeit, schreibt mir, ob euch das gefällt was ich hier mache, was ich anders machen sollte, was ihr noch gern über das Billardspielen wissen wollt, etc.
Gruß
ET
Filed under: Physik (allgemein) | 15 Comments
Tags: Billard, Impulserhaltung, Physik





Ich muss mich für die beschissenen Bilder und Zeichnungen entschuldigen, in Sachen Bildbearbeitung bin ich echt ne Niete. Die weißen und schwarzen Balken, die in den Fotos sind verdecken unschöne Reflexionen des Sonnenlichts oder den Boden. Die Handzeichnungen gibt’s weil das bei mir wesentlich schneller geht als wenn ich sowas mit einem Grafikprogramm machen würde, außerdem erreiche ich mit Handzeichnungen auch das, was ich darstellen will.
Wer eine größere Ansicht der Bilder haben will, muss einfach drauf klicken, dann erkennt man auch die Schrift in den Zeichnungen.
Gruß
ET
Hallo!
Ich find das sehr interessant! Ich werds ausprobieren.
Was mich brennend interessiert ist, was es für einen Unterschied macht bzw. welche Situationen ich meistern kann, wenn ich die weiße Kugel nicht mittig sonder seitlich, oberhalb oder unterhalb anspiele.
mfg
Christopher
Wenn du die weiße Kugel nicht mittig anspielst, dann bekommt sie Effet. Über das Spielen mit Effet wollte ich im dritten Teil der Reihe schreiben, damit kann man tolle Sachen anstellen. Bisher kam ich noch nicht dazu, da ich im Moment ein bisschen im Abiturstress bin. Ihr müsst euch also noch ein bisschen gedulden.
Für alle die es interessiert: Im Moment läuft die Snooker-WM in Sheffield, Eurosport überträgt täglich im TV, außerdem gibt es einen Livestream auf de.yahoo.eurosport.com
Gruß
ET
Bei den Pooltischen wo man einen Euro reinschmeisst, ist die weisse Kugel oft schwerer um den Rückgabemechanismus auszulösen. Dort muss man sich also alles nochmal fein ausrechnen…
Ja, das ist leider so. Drum muss man sich dort z.T. sehr umstellen, da fast alle Erfahrungswerte auf so einem Tisch geringfügig abweichen.
Die weiße Kugel ist dort auch z.T. geringfügig größer, was natürlich auch nicht ideal ist.
Aber besonders der Gewichtsunterschied macht Berechnungen wesentlich komplizierter, da man immer mit Impulsen rechnen muss, und nicht wie bei gleich schweren Kugeln vereinfachend mit der Geschwindigkeit.
Aber in der Regel sind solche Bezahltische sowieso in einem Zustand, wo diese geringen Abweichungen nur einer von mehreren störenden Faktoren sind (z.B. dreckige Tücher, kaputte Banden, etc.) Auf solchen Tischen kann man i.d.R. sowieso nicht so präzise spielen wie man gerne möchte. Kneipentische sind ja eh nur zur Unterhaltung da, und nicht um Billard als ernsten Sport zu betreiben. Dort spielt man ja auch oft mit speziellen Regeln um das Spiel zu verlängern und mehr für sein Geld zu bekommen, z.B. wenn man die 8 nur ins letzte Loch oder über Bande lochen darf
Gruß
ET
hi ET, ich finde deinen Vortrag sehr gut!
hast du vielleicht MSN? ich hätte gern mehr davon gewusst, was sich Billard noch mit Physik verbindet, z.B. Reflexionsgesetz bei den Kuglen? die Reibungszahl zwischen dem Tisch und Kugel, usw. ich bin zur Zeit an meine Facharbeit beschäftigt und mein Thema ist ‘Billard’(Physik), vielleicht kannst du mir da auch ein bisschen Tipp geben
Danke schon mal vorraus!
Ich hatte mir ursprünglich auch überlegt, ob ich meine Facharbeit in Physik über Billard schreibe, habe mich aber dann dagegen entschieden. Die einfachere Theorie kann man ja relativ schnell und primitiv abhandeln, aber wenn es dann mal ans Spielen mit Effet geht, wird es schon schwieriger. Der entscheidende Grund, weshalb ich keine Billard-Facharbeit gemacht habe war, dass ich schlecht einen praktischen Teil einbauen konnte. Ich konnte meine theoretischen Erkenntnisse nicht nachweisen. Eine Möglichkeit die ich mir dafür überlegt hatte war eine Videokamera über den Tisch zu hängen, aber das wäre viel zu aufwändig geworden, außerdem muss man erst mal exakt genug spielen können, um die Theorie auch umzusetzen. Eine solche Facharbeit ist sicherlich möglich, je nach Schwerpunkt könnte es aber sehr kompliziert werden. Wichtig ist vor allem gutes und funktionierendes Material (exakte Banden, ein sauberes, gleichmäßig schnelles Tuch, saubere Bälle, ein 100% gerade stehender Tisch etc.) um kleine, aber störende Abweichungen zu vermeiden, und möglichst uneingeschränkten Zugriff darauf.
Zwecks Austausch von Email-Adressen würde ich folgendes vorschlagen: Du schreibst einen Kommentar, in dem deine Emailadresse steht, aber nich mit @ Zeichen, sondern mit [at] oder sonst wie. Da ich Kommentare soweit ich weiß immer freigeben muss, würde ich diesen Eintrag einfach NICHT freigeben, sondern mich per Email bei dir melden. (Sollte ich mich innerhalb von einer Woche nicht melden, dann probier’s nochmal, dann hat evtl. der wordpress-spamfilter deinen Kommentar abgefangen) MSN hab ich nicht.
Gruß
ET
Hi ET,
sehr interessant was du hier schreibst.
Ich interessiere mich auch sehr für dieses Thema, da ich Lizenztrainer der Deutschen Billard Union bin.
Ich möchte mich gerne mit dir zu diesem Thema austauschen und würde mich sehr über eine Rückmeldung von dir freuen.
Gruß
Martin
Hi Martin!
Studiumsbedingt komme ich im Moment nicht wirklich dazu diesen Blog zu pflegen und neue Artikel zu schreiben. (Aber vielleicht kannst du mich ja dazu motivieren
)
Schön, dass meine Artikel noch jemanden interessieren
Reicht dir zum „austauschen“ die Kommentarfunktion hier, oder wäre dir Emailkontakt lieber? Für welchen Verein arbeitest du denn aktuell als Trainer?
Gruß
ET
Hi ET,
ich arbeite für den BC United Pool in Gütersloh.
Besonders interessiere ich mich über deine Ansätze und Arbeiten.
Als Laie in Mathe hab ich da nicht so das große Verständnis…Mathe-Abi ist lange her…
E-Mail Kontakt oder auch Telefonat wäre toll.
Meine Mail hast du ja bereits…oder?
Gruß
Martin
…was vergessen:
Eine Arbeit über Effet könnten wir auch zusammen machen.
Du als Physikexperte und ich mit der praktischen Erfahrung.
Wie wärs?
Kannst auch gerne mal in Gütersloh vorbeikommen und eine Runde spielen!
CU Martin
supi…und ich hab gemerlt, dass die einträge doch gar nicht so alt sind =) ich habe da nur eine frage zu der stelle mit der energie, wo dann aus der kinetischen energie m/cdot v_ usw…wird. was ist das genau? ich würd mich sehr über ne antwort freuen, gruß
Hi!
Auch wenn ich schon seit einer Weile nichts mehr neues schreibe, Kommentare lese ich meist noch.
Zu deiner Frage: An der Stelle habe ich einfach in die Formel für die nichtrelativistische kinetische Energie eingesetzt (E=1/2mv²), dabei aber vergessen jeweils das 1/2 dazu zu schreiben, da sich das sowieso im nächsten Schritt rauskürzen lässt. Ich hab’s jetzt geändert. Ich hoffe, deine Frage ist damit geklärt?
Gruß
ET
Hi.
Schöner Artikel. Es ist nicht leicht verständlich zu schreiben ohne dass sich dabei Ungenauigkeiten einschleichen. Der Teil mit dem Pythagoras hat mir sehr gut gefallen. Ich hätte nicht gedacht, dass das ganze eine „so einfache“ Lösung hat.
Ich werde mir auf jeden Fall noch weite deiner Artikel anschauen.
Gruß,
towa.